Illuminierte Peripherie

Der Ort | In den großen Städten, den Zentren mit ihren Opern- und Konzerthäusern, Museen und Galerien, wird die rezensierte Kunst aufgeführt und angeschaut. Hier geschieht Bedeutendes. Von dem strahlenden Glanz der gebotenen Kunst fällt ein Bruchteil auf jeden Besucher dieser Häuser. Unerwartetes kann geschehen, wenn Randgebiete beleuchtet werden. Ein Licht soll auf den kleinen Ort Landow im Südwesten der Insel Rügen fallen, genauer gesagt, auf die Kirche dieses Ortes. Von Dreschvitz kommend führt durch Wiesen und Felder ein schmaler asphaltierter Fahrweg. Sein Belag verwandelt sich kurz vor dem Erscheinen der ersten Landower Häuser in ein Kopfsteinpflaster, gesäumt von einer sandigen Rinne für Fußgänger und Radfahrer. Hausnummer 1, ein großer Bauernhof, und Hausnummer 2, das ehemalige Pfarrhaus, werden links der Straße sichtbar. Das nächste Gebäude ist die Kirche. Sie verschwindet, obwohl an der Straße gelegen, im Sommer hinter dichtem Laub hoher Bäume. Auch der Rest des Ortes, weitere sechs Häuser, bleibt vorerst unsichtbar. Die Kultur- und Wegekirche Landow steht auf einer leichten, mit Gras bewachsenen Erhöhung. Es überrascht, an ihr, in dieser Ländlichkeit, einen gotischen Chor vorzufinden. Über den mit alten Kastanien gesäumten Kirchplatz führen ungepflasterte Wege. An der Südseite schließt sich ein kleiner Friedhof an. In nördlicher Richtung liegt eine ausgedehnte Weide mit Kühen von falber Farbe. Im Herbst landen hier Kraniche, um zu rasten. Wenn der Wunsch aufkommt, eine Stadt zu sehen, dann ist es von Landow nicht weit bis zum Kubitzer Bodden. Am Horizont des großen Gewässers zeigt ein fadendünner Schilfsaum das gegenüberliegende Ufer an. Darüber erhebt sich wie eine Sinnestäuschung die ferne Silhouette der Stadt Stralsund mit ihren hohen Kirchtürmen.

Die Kirche | Als ich die Kultur- und Wegekirche in Landow zum ersten Mal betrat, hatte ich den knapp zwanzig Zentimeter langen Schlüssel für den Seiteneingang in der Hand. Nach dem Aufschließen hauchte mich das Innere der Kirche mit dem feuchten, kühlen Atem einer Gruft an. Den hellen Chor konnte mein Blick gleich erfassen. Das dunkle Kirchenschiff lag im Dämmer und gab erst nach der Gewöhnung meiner Augen seine Schätze zur Besichtigung frei. Ich war einen Moment lang fassungslos, dann überfiel mich eine Welle des Mitleids, das sich aber schnell und bis jetzt anhaltend in Begeisterung verwandelte. Wände, Decke und Ausstattung offenbarten einen Zustand, dessen Anblick normalerweise verborgen bleibt, so, wie Bilder von seltenen Hautkrankheiten versteckt werden. Die Traurigkeit über den Verfall wich, als ich erkannte, dass diese Kirche sehr lebendig ist. Ich sah einen großen, frischen Gartenblumenstrauß im Chor, ein Besucherbuch mit fleißigen, aktuellen Einträgen, ausgelegte Veranstaltungsprogramme und berührende, in den Nischen abgelegte Hinterlassenschaften von Besuchern. Überall standen halb herunter gebrannte Kerzen, offensichtlich zur Beleuchtung benutzt. Das wirkte wie ein Zeugnis der Liebe, als würde diese Kirche wie eine alte Dame gepflegt, die vor langer Zeit mit Respekt einflößender Würde auftrat, und die jetzt durch Gebrechlichkeit berührbar und milde geworden, über jede Zuwendung leise lächelt.

Das Kleid der Wände, der historische Putz, ehemals ein farbiger Weißton, ist mehr als fadenscheinig. An manchen Stellen erscheint er hellblau oder ocker eingefärbt. Es gibt giftig grünen Algenbewuchs, der sich fleckig ausbreitend mit winzigen rotbraunen Fragmenten einer gemalten spätgotischen Bandornamentik zu gestalteten Gebilden verbindet. Diese Fragmente, aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und zu abstrakten Einzelformen gewandelt, sind simple, hilflose Kringel, als seien sie nebenher aus dem Draht einer Büroklammer gebogen worden. Rechts neben dem Eingang zur Sakristei hat der Algenbewuchs ein anderes Werk geschaffen. Dort scheint es, als wären aus einem herabfallenden Farbeimer dunkelgrüne Spritzer an die Wand geschlagen. Wo der Putz verloren gegangen ist, kommt das nackte Gemäuer zum Vorschein. Dort übernehmen der warme, rote Farbton des Backsteins und das geregelte Netz der Fugen die Aufgabe, die Dramatik dieser Wände weiter zu steigern. Im Kirchenschiff, an der südlichen Langwand, sind uralte, zerfaserte Eichenständer freigelegt. Als dunkle, vertikale Streifen, an denen der angrenzende Putz zackige Ränder bildet, offenbaren sie auf beunruhigende Weise etwas von der Anatomie des Baus. Eine bizarre, kreuzförmige Höhle hat sich dort gebildet, wo das Holz eines dieser Ständer im Laufe der Jahrhunderte völlig verschwunden ist. Der in der Wand liegende Hohlraum bildet die Form einer umgekehrten Skulptur, deren Materialität einzig aus beschatteter Luft besteht. Ein anderes, dem Bauwerk eingewachsenes Phänomen, bleibt geheimnisvoll. Über alle Wände, im Chor, in der Sakristei und im Kirchenschiff, reihen sich umlaufend wie Perlen auf der Schnur, niedrige, bogenförmige Nischen aneinander.

Kanzel, Altar, Taufstock, Decke und Fronten des Beichtstuhls, alle aus Holz, zeigen eine diesem Material eigene Zeichnung von Alter. Die farbigen Fassungen sind gleichmäßig mit einem Nebel von matter Blässe belegt. Das erschwert die Differenzierung einzelner Ausstattungstücke, bewirkt aber eine stimmige Gesamtfarbigkeit. Wurmstichige Apostelköpfe und Engelfiguren mit fehlenden Gliedmaßen fallen auf. Trotz ihres angegriffenen Zustands ist unübersehbar, dass diese Holzschnitzarbeiten von ungewöhnlich guter Qualität sind. Die Künstlersignaturen finden sich auf der Rückseite des Altarretabels mit schwungvoller Schrift geschrieben. »Anno 1724 hat der Bild-Schnitzer Elias Kesler dieses Altar nebst der Cantzel und Tauffe verfärtiget. Anno 1733 hat der Mahler Johann Œssler alles in dieser Kirchen angemahlet.« Am deutlichsten zeigt sich das Können der Künstler des Barock an den Engelfiguren, die den Altar und die Kanzel bekrönen. Hier durfte nach einem Ausdruck gesucht werden, der, vom Text des Evangeliums befreit, den reinen Triumph darstellen soll. Die weißen Figürchen in exaltierten Posen, in flatternde, lose, goldfarbene Gewänder gehüllt, zeigen nackte Arme und Beine. In der kleinen Kirche bleibt dieser personifizierte Sieg des rechten Glaubens naturgemäß ebenfalls klein. Er konnte nicht zu der imposanten Monumentalität heranwachsen, wie es in großen Kirchen der Fall sein kann. Das kleine Maß erschien mir wie ein lockendes Angebot und ich vermisste nicht die schreckliche Überwältigung des überlebensgroßen Maßes.

Im Inneren der Kirche gibt es ein Durcheinander. Der Kanzelkorb befindet sich nicht unter dem Schalldeckel aufgehängt, sondern ins Kirchenschiff gerückt und dort auf den Boden abgestellt. Das Gehänge des Korbes ist um 180 Grad gedreht darauf abgelegt. Eine Kanzeltreppe gibt es nicht mehr. Sie hätte ins Leere geführt. Die Treppenwange, mit ihrem schönen Geländerschmuck, ist nahe ihres alten Standorts an die Wand gelehnt. Die geschmückten Fronten von weiteren Teilen der Ausstattung stehen gut platziert im Kirchenschiff. Im Chor fand ich über dem Altar einen Baldachin an die Wand gemalt. Dieses Ornament des Barock stellt eine schwere Stoffdraperie dar, die an den Seiten durch Schnüre gerafft gehalten wird. Das Motiv, für eine flache Wand gedacht, hat der Künstler in das gotische Gewölbe gemalt. Es ist in der gefalteten Decke unkenntlich zu einem wilden Etwas geworden. Allein die Schleifen der Halteschnüre, die wie Irrläufer zu ihren Plätzen gekommen sind, geben einen Hinweis auf den Gegenstand dieser Malerei.

In der Landower Kirche sah ich sehr viele Wolken. Die Kanzel ist die Quelle, der sie entströmen. Der Himmel, den die Religion zu dem Ort gemacht hat, an dem der gute Mensch in Gottes Nähe sein ewiges Leben verbringen möchte, kann nur auf eine bestimmte Weise bildhaft dargestellt werden. Wolken sind es, die in der sakralen Kunst die Anwesenheit des Himmels anzeigen. Ein gemalter blauer Himmel mit weißen Wolken und mittig darin festgeschraubt der Heilige Geist als goldene Taube, zieren die Unterseite des Schalldeckels. Als noch von der Kanzel gepredigt wurde, war diese Darstellung über den Köpfen der Pastoren ein Hinweis auf die wahre Herkunft der gesprochenen Worte. Auf dem Dach des Schalldeckels türmen sich erneut Wolken. Nicht gemalt, sondern aus Holz geschnitzt und luftig wie Theaterkulissen, sind sie an einem mit Voluten geschmückten Aufbau angehängt. Als oberste Spitze erscheint ein krönender Engel. Er kollidiert aber mit der flachen Holzdecke des Kirchenschiffs, die zu niedrig hängt. Der Kopf der Skulptur passt nicht mehr darunter. Dieser Fehler ist auf originelle Weise behoben worden. Über der Figur wurde ein quadratisches Loch in die Decke geschnitten und darauf ein pyramidaler Holzkasten gesetzt, der Innenansicht einer stumpfen Turmspitze ähnlich. So schwebt über und um den Kopf des Engels ein separater, eckig geformter Himmel. Die gemalten Wolken dieses Himmels ziehen von hier aus weiter über die ganze flache, aufgehängte Bretterdecke im Kirchenschiff, so dass sich auch die Gläubigen in der letzten Reihe der Anwesenheit eines Himmelreichs sicher sein können. Es ist ein erdiger Himmel. Die schwarzblauen, ockerfarbenen und englischroten Wolkenformationen machen in der Mitte Platz für den Auftritt eines großen Posaunenengels. Vier kleinere Kinderengel mit Spruchbändern in den Händen streben aus den Ecken.

Kirchen im Wandel | Kirchen sind voller Kunst, aber sie sind keine Museen. Die Sammlungen der Museen werden von Menschen kuratiert, in den Kirchen kuratiert die Liturgie. Die Wandlungen in den Museen vollziehen sich im Gleichklang mit dem Wechsel der Generationen. Kirchen befinden sich in einem anders gearteten Wandel. Im Schock der zeitgeschichtlichen Umbrüche haben sie nicht den Abriss, sondern Umgestaltungen erlebt. Romanik wurde gotisch eingewölbt. Gotik wurde mit Rokokostuck überzogen. Die Reformation degradierte Maria und entließ die Heiligen. In alten Kirchen sammeln sich die Zeugnisse der Jahrhunderte. Es ist nicht ungewöhnlich, in ein und demselben Bau Zeitreisen zu erleben. Die romanische Krypta im Freisinger Dom, die das ferne, fremdartige Jahrhundert ihrer Entstehungszeit eingefroren hat und in der alle Besucher schweigen, kann über eine kurze Treppe verlassen werden, um unter einen jubelnden Rokokohimmel zu gelangen, in dessen Kuppel sich zahllose, entzückte Figuren nach oben schrauben und an dessen Rändern gut genährte Putten ihre Streiche treiben.

Die entscheidende Wandlung, die in der Landower Kirche den beschriebenen Zustand hervorgebracht hat, fand kurz vor und nach der Wende statt. Der Bau wurde in letzter Minute vor dem Verfall gerettet und die ausgelagerte Ausstattung nach und nach zurückgeholt. Mit der Gründung des Freundeskreises im Jahr 2000 entwickelte sich das Konzept der Kultur- und Wegekirche. Während der Sommermonate wird die Kirche für Besucher offen gehalten und ein Kulturprogramm mit Ausstellungen und Konzerten geboten. In der evangelischen Kirche, die nie entweiht wurde, werden wieder Gottesdienste abgehalten. Bei den kulturellen Veranstaltungen bildet die Musik den Schwerpunkt. Ihr ist es geschuldet, dass der Kanzelkorb nicht mehr seinen angestammten Platz einnimmt. Hinge er noch unter dem Schalldeckel, wäre ein freier Blick in den Chor nicht möglich. Während der Konzerte sitzt das Publikum im dunklen Kirchenschiff bei Kerzenlicht mit freier Sicht auf den hellen Chor, wo die Musiker spielen. Es werden nur zwei Scheinwerfer zur Beleuchtung der Künstler benötigt und Streichhölzer zum Anzünden der vielen Kerzen, um eine festliche Bühne zu inszenieren, die in keinem Verhältnis zu ihrer schlichten Technik steht.

Die Ausstellung | Der Titel der Ausstellung, »Illuminierte Peripherie«, meint einerseits den kleinen Ort Landow, der kein urbanes Zentrum ist, und andererseits mein künstlerisches Thema, die Ornamentik. In der abendländischen Kunst steht die Ornamentik nicht im Fokus. Sie wird dem Bereich der angewandten Kunst zugeordnet. Ihre einstige Wertschätzung als eine Kunst, die ausschmückt, ist in neuerer Zeit verloren gegangen. Die Ornamentik ist funktional und tut ihr gutes Werk am Rande. Sie dient als Rahmung, findet Übergänge, schafft Ordnung und verhilft der reinen Farbe zu ihren schönsten Ausdrücken. Genauer betrachtet ist das Ornament ein Vorläufer der gegenstandslosen Kunst. Die Ornamentik ist die Typografie des Abstrakten.

Meine für die Kirche entstandenen Arbeiten zeigen Ornamentik. Darüber hinaus erfüllen sie Dienste. Zu Gunsten eines harmonischen Gesamteindrucks des Kircheninneren verbinden sich meine Arbeiten auf unterschiedliche Weise mit der Ausstattung. Im Chor bilden vier Objekte eine ausgleichende Überleitung vom Chor zum Kirchenschiff. In der Sakristei erfährt die raumbeherrschende Wirkung eines Bildensembles eine leichte Umdeutung. Im Kirchenschiff wird eine Lücke geschlossen und inhaltlich auf die Ausstattung verwiesen. Wenn die Besucher auf ihren Rundgängen ausschließlich eine Kirche erleben und die Ausstellung nicht wahrnehmen, dann ist mein Konzept gelungen.

Der Kirchenraum ist in meinen Augen kein Ausstellungsraum. Mein historisch geschulter Blick und der Respekt, den ich gegenüber einem sakralen Raum empfinde, erlauben Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in einer Kirche nur unter der Voraussetzung, dass die vorhandene Ausstattung nicht überspielt wird. Ein solches Vorgehen ist für mich kein künstlerischer Kniefall. Im Gegenteil, es ist viel mehr die Vision, dass ich mir auf diese Weise das Ganze der Kirche zu eigen machen kann. Denn so, wie meine maßgefertigten Arbeiten der historischen Ausstattung angehören, so gehört die historische Ausstattung zu meinem künstlerischen Kommentar.

Im Chor | Für den Chor der Landower Kirche entstanden vier Objekte, die freigestellte Rokokoornamente zeigen. Meine Arbeiten stellen eine Verbindung zu den barocken Fronten des Beichtstuhls und der Kanzeltür her. Die Ausstattungsstücke, aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen gelöst, sind Fragmente. Als flache Holztafeln stehen sie im Kirchenschiff. Meine Ausstellungsobjekte, ebenfalls flache Holztafeln, nehmen darauf Bezug. Es sind zwei Paare, die in gegenüberliegenden, farbig unterschiedlichen Nischen hängen. Die beiden Nischen nahe des Seiteneingangs zeigen unbedecktes Mauerwerk. Bei den gegenüberliegenden Nischen hat sich der historische Putz erhalten. Für meine Objekte habe ich Farben gewählt, die diesen Unterschied ausgleichen.

Die »Kragenkartusche« und »Vasenkartusche« betitelten Arbeiten haben eine reduzierte Farbigkeit, wie ein sparsam bemaltes graues Porzellan. Sie gehören in die beiden backsteinsichtigen Nischen, in denen nur noch Reste des hellen Putzes erhalten sind. In der Kunst meint der Begriff Kartusche ein Zierrahmenwerk, gemalt oder skulptural, das ein zu beschriftendes Feld in der Mitte freigibt. Die Kartusche wurde für Wappen, für Epitaphe und in der Buchkunst gebraucht. Die Objekte sind weit entfernt von der klassischen Kartusche. Der Rahmen und das zur Beschriftung gedachte Mittelfeld verbinden sich zu einer eigenartigen Gesamtform. Das gleich große, gespiegelte Paar zeigt sehr ähnliche Umrisse. Die Gestaltung ist angelehnt an Johannes Esaias Nilson (1721–1788), einem Augsburger Zeichner und Kupferstecher, und bezieht sich auf sein Werk »Cartouches Modernes ornés avec des différentes Figures«.

In den beiden Nischen gegenüber hat das als »Amor« und »Venus« betitelte Paar seinen Platz gefunden. Venus und Amor sind kein Thema für eine Kirche, wohl aber ein Thema des Rokoko. Darauf wollen diese Titel hinweisen. Weiter verstärken die Titel der Werke ihre Wirkung als Paar und weisen auf das Spiel mit den unterschiedlichen Größen hin. Venus, die Frau, ist größer als Amor, das Kind. Das Rokoko löste die ornamentalen Symmetrien, die für den Barock noch Gültigkeit hatten, völlig auf. Das wird bei diesen Arbeiten, die klassisches Rokoko zeigen, deutlich. Die starke Farbigkeit des Paares kommt in den hellen Nischen zur Geltung. Der bei diesen Objekten glücklich getroffene Weißton verbindet sich sehr schön mit der Farbigkeit des Putzes, so dass die gemalten Perforierungen in den Kämmen der Ornamente tatsächlich wie Löcher aussehen.

In der Sakristei | Die Sakristei ist die Herzenskammer der Kirche. Ihre gotische Architektur ist auf das Maß eines kleinen Zimmers geschrumpft, in dem ein Herumlaufen nicht mehr möglich ist. Die sakrale Ausstrahlung des Raums nimmt den Besucher gefangen und zwingt ihn zum Anhalten, zur Einkehr. Jeder, der hier eine Andacht halten möchte, tut es vor einer Wand mit drei Nischen. In der mittleren Nische ist eine Sammlung von Kreuzen aufgestellt. Es sind ein schlichtes, zentrales Holzkreuz und zwei kleine, von Pilgern gefertigte, zusammengebundene Stöckchenkreuze. Diese Wand, mit ihren Kreuzen und Nischen, von einem Bogen abgeschlossen, wirkt wie eine Formel, die mit drei Worten alles sagen kann, was die christliche Religion verkündet. Um die asketische Ernsthaftigkeit dieses Eindrucks zu mildern, habe ich zwei farbige Kreuze hinzugefügt. Ihre Titel, »Stufenbandkreuz« und »Schuppenkreuz«, beinhalten die Fachausdrücke der gezeigten Ornamente. Beide Kreuze werden durch gleiche Farbigkeit und Größe als ein Paar zusammengehalten. Die unterschiedlichen Bemusterungen lassen ihre Geschwisterlichkeit vergessen und streben so weit wie möglich auseinander. Alle Kreuze in der Sakristei weisen auf das Kruzifix hin.

Im Kirchenschiff | »Weihekreuze« ist der Titel einer zehnteiligen Arbeit. Die Objekte sind an den Langwänden des Kirchenschiffs platziert. Sie zeigen gleichschenkelige Kreuze und bilden ein Symbol für die Heilige Kirche. Der Ring, der jedes Kreuz umschließt, stellt einen Nimbus dar. Bei der Weihe einer Kirche in vorreformatorischer Zeit wurden zwölf an die Wände angebrachte, gleich gestaltete Weihekreuze gesalbt. Ihre Anzahl bezieht sich auf die zwölf Apostel, die nach dem Pfingstwunder auszogen, das Evangelium zu verbreiten, und die zu den Begründern der Institution Kirche wurden. In Landow sind fünf originale Weihekreuze erhalten, zum Teil kaum erkennbar. An beiden Langwänden ist eines dieser Zeichen deutlich sichtbar. Meine Serie stellt ihnen jeweils fünf »Weihekreuze« zur Seite, um die Gesamtanzahl von zwölf herzustellen. Diese Ergänzung ist gleichzeitig eine Kollektion verschieden gestalteter Weihekreuze, wie sie überall in Kirchen mit historischer Ausstattung zu finden sind. Die beiden originalen, etwas verblassten Weihekreuze werden wiederbelebt und verbinden sich mit den Ausstellungsstücken. An den hohen Langwänden, deren unruhige Patina eine Symphonie aus gedeckten Farben aufführt, springen die kleinen bunten Scheiben in unregelmäßiger Reihung. Einzeln betrachtet entwickeln sie schöne Verbindungen mit den vom Verfall gezeichneten Wänden.

Die Farbigkeit der »Weihekreuze« leitet zum »Emporenband« über. Die flächenmäßig größte Arbeit der Ausstellung überdeckt die schmucklose, braun gestrichene Brüstung der Empore. Beim Gang durch die Kirche reißt diese öde Fläche ein Loch in die rundlaufende Choreografie der Ausstattungsstücke. Angelehnt an die klassische Gestaltung historischer Kirchenemporen, zeigt das »Emporenband« eine kassettenartige Bandornamentik. Dadurch erhält der lange Streifen eine vertikale Gliederung, was eine Verbindung zur bemalten Decke schafft. Das »Emporenband« schließt eine Lücke und gibt dem schönen Chor ein farbiges Gegenüber.

Susanne Bollenhagen (Katalogtext 2018)